{"id":2287,"date":"2012-02-20T12:11:34","date_gmt":"2012-02-20T10:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.f-sim.de\/?p=2287"},"modified":"2019-05-14T19:56:07","modified_gmt":"2019-05-14T17:56:07","slug":"o-r-b-i-t-ein-lieb-gewonnener-irrtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.f-sim.de\/?p=2287","title":{"rendered":"O.R.B.I.T. &#8211; Ein lieb gewonnener Irrtum?"},"content":{"rendered":"<p>Die Steuerung der Organisationseinheiten von Kommunen zur Erf\u00fcllung von \u00f6ffentlichen Aufgaben erfolgte viele Jahre alleine \u00fcber die Zuweisung von Haushaltsmitteln, ohne den Ressourcenverbrauch und die Qualit\u00e4t der Leistung zu ber\u00fccksichtigen. Mit Einf\u00fchrung des neuen Steuerungsmodells (NSM) zur strategischen Steuerung von Verwaltungen wurde von der <a href=\"http:\/\/www.kgst.de\" title=\"KGSt\" target=\"_blank\">Kommunalen Gemeinschaftsstelle f\u00fcr Verwaltungsvereinfachung<\/a> (KGSt) ein Produktkatalog &#8222;<em>Feuerwehr<\/em>&#8220; erstellt. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Produkte &#8222;<em>Brandbek\u00e4mpfung<\/em>&#8220; und &#8222;<em>Technische Hilfeleistung<\/em>&#8220; wurden durch die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (<a href=\"http:\/\/www.agbf.de\/\" title=\"AGBF-Bund\" target=\"_blank\">AGBF<\/a>) die wesentlichen &#8222;<a href=\"http:\/\/agbf.de\/pdf\/qualitaetskriterien_fuer_bedarfsplanung_von_feuerwehren_in_staedten.pdf\" title=\"AGBF Empfehlung\" target=\"_blank\">Qualit\u00e4tskriterien f\u00fcr die Bedarfsplanung von Feuerwehren in St\u00e4dten<\/a>&#8220; im Jahr 1998 f\u00fcr ein standardisiertes Schadensereignis definiert:<\/p>\n<ul>\n<li>Hilfsfrist<\/li>\n<li>Funktionsst\u00e4rke<\/li>\n<li>Erreichungsgrad<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ein Wohnungsbrand im Obergeschoss in einem mehrgeschossigen Geb\u00e4ude bei verqualmten Rettungswegen stellt gem\u00e4\u00df der AGBF-Empfehlung das standardisierte Schadensereignis dar.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nZur Festlegung der Hilfsfrist werden folgende Grenzwerte festgelegt:<\/p>\n<ul>\n<li>Ertr\u00e4glichkeitsgrenze f\u00fcr eine Person im Brandrauch: 13 Minuten<\/li>\n<li>Reanimationsgrenze f\u00fcr eine Person im Brandrauch: 17 Minuten<\/li>\n<li>Zeit von Brandausbruch bis zum Flash-Over: 18-20 Minuten<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hierzu hei\u00dft es: (S. 2)<br \/>\n&#8222;<em>Nach der Brandstatistik ist die h\u00e4ufigste Todesursache bei Wohnungsbr\u00e4nden die Rauchgasintoxikation (CO-Vergiftung). Nach wissenschaftlichen Untersuchungen der Orbit-Studie in den siebziger Jahren liegt die Reanimationsgrenze f\u00fcr Rauchgasvergiftungen bei ca. 17 Minuten nach Brandausbruch.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Als Quelle dieser Werte wird eine Kopie von Bild 915 aus Kapitel 3.4.1 der Orbit-Studie angegeben:<br \/>\n<center><a href=\"https:\/\/www.f-sim.de\/?attachment_id=2300\" rel=\"attachment wp-att-2300\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.f-sim.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Abb_Orbit-AGBF-276x300.png\" alt=\"Abbildung AGBF-Empfehlung\" title=\"Abb_Orbit-AGBF\" width=\"276\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2300\" srcset=\"https:\/\/www.f-sim.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Abb_Orbit-AGBF-276x300.png 276w, https:\/\/www.f-sim.de\/wp-content\/uploads\/2012\/02\/Abb_Orbit-AGBF.png 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 276px) 100vw, 276px\" \/><\/a><\/center><\/p>\n<p>Als weiterer Grenzwert zur Festlegung der Hilfsfrist wird die f\u00fcr die Sicherheit der Einsatzkr\u00e4fte und zur Verhinderung einer schlagartigen Brandausbreitung (Flash-Over) maximale Zeitspanne f\u00fcr den Beginn des notwendigen L\u00f6schangriffes mit 18-20 Minuten angegeben.<\/p>\n<p><strong>O.R.B.I.T-Studie: Eine &#8222;<em>wissenschaftliche<\/em>&#8220; Grundlage?<\/strong><\/p>\n<p>Die AGBF-Empfehlung stellt f\u00fcr viele Kommunen die Planungsgrundlage zur Beschreibung der Leistungsf\u00e4higkeit der Feuerwehr dar. Die aus der in der AGBF-Empfehlung enthaltenen Abbildung zu entnehmenden Werte dienen als Bewertungskriterien der Leistungsf\u00e4higkeit. Eine kritische Betrachtung erfolgt selten. Die Werte werden mit Verweis auf die &#8222;<em>wissenschaftlichen Untersuchungen<\/em>&#8220; der Orbit-Studie unkommentiert \u00fcbernommen. So hei\u00dft es beispielsweise im <a href=\"http:\/\/www.lfs-sh.de\/BSBP\/Dokumente\/FWBP_Modellgemeinde_Alt-Handewitt_20080617.pdf\" title=\"Musterfeuerwehrbedarfsplan \" target=\"_blank\">Musterfeuerwehrbedarfsplan<\/a> der Landesfeuerwehrschule Schleswig-Holstein (S. 17):<br \/>\n&#8222;<em>Hierbei werden folgende Zeiten zugrunde gelegt, die auf der so genannten O.R.B.I.T.-Studie beruhen: Die Ertr\u00e4glichkeitsgrenze bei einer Belastung durch Brandrauch betr\u00e4gt dreizehn Minuten, die Reanimationsgrenze siebzehn Minuten. Bis zu diesem Zeitpunkt muss die Menschenrettung sp\u00e4testens abgeschlossen sein.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>In neueren Untersuchungen, wie zum Beispiel zu &#8222;<em>Rettungszeiten der Feuerwehr beim kritischen Wohnungsbrand<\/em>&#8220; [Lindemann, T.: Rettungszeiten der Feuerwehr beim kritischen Wohnungsbrand. in: Brandschutz, 12\/2011, S. 946-952, Kohlhammer-Verlag, 2011], wird &#8222;<em>die G\u00fcltigkeit der ORBIT-Studie [&#8230;]\u00a0trotz mangelhafter Angaben \u00fcber die der Untersuchung zugrunde liegenden Rahmenbedingungen und neueren medizinischen Erkenntnissen anderer Untersuchungen [&#8230;] nicht in Frage gestellt [&#8230;]<\/em>&#8222;. <\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu bezeichnen Ple\u00df und Seliger vom Institut der Feuerwehr Sachsen-Anhalt in ihrem Forschungsbericht &#8222;<em><a href=\"http:\/\/www.sachsen-anhalt.de\/fileadmin\/Elementbibliothek\/Bibliothek_Feuerwehr\/idf_dokumente\/publikationen\/imk_ber\/bericht_145.pdf\" title=\"Forschungsbericht Nr. 145\" target=\"_blank\">Entwicklung von Kohlenmonoxid bei Br\u00e4nden in R\u00e4umen<\/a><\/em>&#8220; die &#8222;<em>Zeitangaben aus der ORBIT-Studie als die \u201egef\u00e4hrlichsten Mythen\u201c bez\u00fcglich der zur Verf\u00fcgung stehenden Fluchtzeit bei Wohnungsbr\u00e4nden<\/em>&#8220; [S. 21]. Nach Ple\u00df und Seliger lie\u00df sich die zeitliche Entwicklung der CO-Konzentration durch Ablesen von Werten aus der grafischen Abbildung der ORBIT-Studie rekonstruieren. Nach Auswertung der abgelesenen Werte k\u00f6nnte nach Meinung der Autoren ein reales Brandereignis zugrunde gelegen haben.  <\/p>\n<p>Die Autoren kommen in ihrem Bericht zum Schluss, dass sich bei Raumbr\u00e4nden innerhalb weniger Minuten eine hinsichtlich thermischer und toxischer Exposition kritische Situation entwickeln kann. Die \u00dcberlebenschancen von im Brandraum befindlichen Personen bei Wohnungsbr\u00e4nden sinken innerhalb weniger Minuten. Die aus Ergebnisse und Auswertungen von Publikationen f\u00fcr die Rettung aus dem Brandraum zur Verf\u00fcgung stehende Zeitspanne unterschreitet die m\u00f6gliche Eintreffzeit der Hilfskr\u00e4fte der Feuerwehr im Normalfall.<\/p>\n<p>Trotz dieser Schlussfolgerung aus dem Jahr 2007 wird die &#8222;<em>Orbit-Studie<\/em>&#8220; weiterhin als &#8222;wissenschaftliche Quelle&#8220; bei der Definition der Beurteilungskriterien zur Leistungsf\u00e4higkeit der Feuerwehr verwendet. Ein Exemplar der besagten Studie stand f\u00fcr eine detaillierte Auswertung bisher nicht zur Verf\u00fcgung. Im Herbst 2011 tauchte unerwartet ein Exemplar der &#8222;<em>sagenumwobenen<\/em>&#8220; Studie in einer <a href=\"http:\/\/gso.gbv.de\/DB=2.1\/PPNSET?PPN=214577619\" title=\"direct-link TIB\/UB Hannover\" target=\"_blank\">Hochschulbibliothek<\/a> in Niedersachsen auf. <\/p>\n<p>Erstmals besteht nun die M\u00f6glichkeit, den Zusammenhang der aus der Orbit-Studie zitierten Abbildung herzustellen, die Aussagen und Quellen auszuwerten und eine Beurteilung vorzunehmen. Im <a href=\"https:\/\/www.f-sim.de\/?p=2324\" title=\"O.R.B.I.T.-Studie 1976-1978\">n\u00e4chsten Blog-Beitrag<\/a> werden die Ziele und Ergebnisse der 1976-1978 durchgef\u00fchrten Studie vorgestellt. Im Anschluss soll der Frage nachgegangen werden, ob bei der Verwendung der in der AGBF-Empfehlung zitierten wissenschaftlichen Ergebnisse vielleicht nicht ein Irrtum zugrunde liegt und die aus der O.R.B.I.T.-Studie entnommene Abbildung vielleicht in einem anderen Zusammenhang steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Steuerung der Organisationseinheiten von Kommunen zur Erf\u00fcllung von \u00f6ffentlichen Aufgaben erfolgte viele Jahre alleine \u00fcber die Zuweisung von Haushaltsmitteln, ohne den Ressourcenverbrauch und die Qualit\u00e4t der Leistung zu ber\u00fccksichtigen. 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