{"id":5120,"date":"2016-04-01T13:06:51","date_gmt":"2016-04-01T11:06:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.f-sim.de\/?p=5120"},"modified":"2018-01-23T22:47:33","modified_gmt":"2018-01-23T21:47:33","slug":"sicherheit-im-brandschutz-oder-der-wert-eines-statistischen-lebens-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.f-sim.de\/?p=5120","title":{"rendered":"Sicherheit im Brandschutz oder der Wert eines (statistischen) Lebens&#8230; (1\/3)"},"content":{"rendered":"<p>Fahrradhelm oder nicht? An dieser grunds\u00e4tzlichen, aber im Ernstfall durchaus entscheidenden, Frage schieden sich Anfang 2014 die Geister. Was war <a title=\"Fahrradhelm oder nicht?\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-124554470.html\">geschehen<\/a>?<br \/>\nIm April 2011 fuhr eine Frau auf ihrem verkehrst\u00fcchtigen Fahrrad den wenige hundert Meter weiten Weg zu ihrer Arbeit &#8211; ohne einen Fahrradhelm zu tragen. Unterwegs passierte sie ein widerrechtlich geparktes Fahrzeug. Die Fahrerin des geparkten Fahrzeugs \u00f6ffnete, ohne kontrollierenden Blick in den Au\u00dfenspiegel, die T\u00fcr, worauf die Fahrradfahrerin st\u00fcrzte, mit dem Hinterkopf aufschlug und sich den Sch\u00e4del brach.<\/p>\n<p>So weit, so schlecht, aber f\u00fcr einen juristischen Laien scheint die Schuldfrage klar.<\/p>\n<p>Im Juli 2013 urteilte jedoch das zust\u00e4ndige Oberlandesgericht, dass die Fahrradfahrerin eine Teilschuld trifft, da sie keinen Fahrradhelm trug. Auch wenn hierzulande keine Helmpflicht besteht, ist das tragen eines Helms jedoch eine Ma\u00dfnahme, &#8222;<em>die ein ordentlicher und verst\u00e4ndiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens anzuwenden pflegt.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Der Laie staunt, aber was hat das alles mit dem Thema Brandschutz zu tun?<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick nicht viel, tats\u00e4chlich erlaubt das Thema aber einen interessanten Quervergleich.<br \/>\nEinleuchtend ist, dass ein guter Fahrradhelm subjektiv eine sinnvolle Ma\u00dfnahme zur Verringerung des potentiellen Schadensausma\u00dfes darstellen kann. Gilt dies damit aber auch gleichsam f\u00fcr die Gesamtheit aller deutschen Fahrradfahrer und sollte das Tragen eines Fahrradhelms w\u00e4hrend der Fahrt dann nicht auch zur Pflicht gemacht werden?<\/p>\n<p>Oder mit Blick auf den Brandschutz anders gefragt:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"LEFT\">&#8222;Sollte bspw. eine qualififzierte Entrauchung mit einer raucharmen Schicht von mindestens 2,5 m H\u00f6he nicht auch da verpflichtend gefordert werden, wo sie aktuell nicht gefordert wird?&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&#8222;Nein&#8220;, antwortet Gernot Sieg von der Universit\u00e4t M\u00fcnster, zumindest auf die Frage nach dem Sinn einer allgemeinen&nbsp;Pflicht zum Tragen eines Fahrradhelms. Er hat in einer <a title=\"Costs and benefits of a bicycle helmet law for Germany by Gernot Sieg\" href=\"http:\/\/www.wiwi.uni-muenster.de\/ivm\/materialien\/forschen\/Veroeffentlichungen\/WP21.pdf\">wissenschaftlichen Studie<\/a> die gesamtwirtschaftlichen Kosten mit dem Nutzen verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Kosten den Nutzen um 40 % \u00fcbersteigen. Volkswirtschaftlich macht eine allgemeine Pflicht zum Tragen eines Fahrradhelms damit keinen Sinn.<\/p>\n<p>Mit dieser Fragestellung eng verbunden, ist die Frage nach dem durch Fahrradunf\u00e4lle entstandenen volkswirtschaftlichen Schaden und dem durch Einf\u00fchrung einer Helmpflicht vermiedenen Anteil daran. Sp\u00e4testens hier stellt sich uns eine sehr unangenehme, aber trotzdem wichtige Frage: was ist uns denn Gesundheit oder sogar ein (statistisches) Menschenleben wert? Diese von einem ethischen Standpunkt aus betrachtet unangenehme bzw. unm\u00f6gliche Fragestellung kann auf verschiedene Arten beantwortet werden. Eine M\u00f6glichkeit ist die Ermittlung des sogenannten &#8222;kompensatorischen Lohndifferentials&#8220;. &nbsp;<br \/>\n&#8222;<em>Dieser Ansatz betrachtet die Bereitschaft eines Arbeitnehmers, unter sonst gleichen Bedingungen zur Aufnahme einer riskanteren oder hinsichtlich der Arbeitsbedingungen unvorteilhafteren Besch\u00e4ftigung, wenn sie daf\u00fcr eine Kompensation in Form einer Lohnerh\u00f6hung erhalten.<\/em>&#8220; [1].<br \/>\nVereinfacht gesagt: Mit steigendem Risiko, steigt der Lohn.<\/p>\n<p>Eine andere m\u00f6gliche&nbsp;Antwort w\u00e4re die Berechnung der Differenz zwischen dem Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt&nbsp;im Falle eines Unfalls und ohne Auftreten des Unfalls. Der tats\u00e4chliche finanzielle Schaden eines Unfalls (oder eben eines Brandes mit Todesopfern) w\u00e4re dann der Sachschaden und die in Folge des Unfalls nicht erbrachte Leistung&nbsp;der Opfer am Bruttoinlandsprodukt.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Unabh\u00e4ngig davon mit welcher Methode man den Wert eines statistischen Lebens bemisst: die Antwort bringt uns schnell gro\u00dfe Probleme, da Menschenleben unterschiedliche Werte zugewiesen werden und dieser Ansatz vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrung negativ belegt ist.<br \/>\nTrotzdem hat bspw. Hannes Spengler in seiner Arbeit &#8222;Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland&#8220;  [1] &nbsp;dem Leben eines besch\u00e4ftigten bzw. arbeitenden Mannes einen statistischen Wert von durchschnittlich 1,72 Millionen Euro zugewiesen, dem einer besch\u00e4ftigten bzw. arbeitenden Frau durchschnittlich aber nur 1,43 Millionen Euro. Das Leben eines m\u00e4nnlichen Arbeiters ist demnach nur 1,22 Millionen Euro wert, das eines m\u00e4nnlichen Angestellten entsprechend mehr. Bei solch unbefriedigenden Antworten stellt sich dann doch die Frage: Brauchen wir das, den monet\u00e4ren Wert eines Menschenlebens? K\u00f6nnen wir den Wert nicht einfach auf &#8222;unbezahlbar&#8220; festlegen?<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Leider f\u00fchrt uns diese Antwort nicht weiter. Konsequent zu Ende gedacht, w\u00fcrde ein unendlich wertvolles Menschenleben bei der Bemessung des wirtschaftlich sinnvollen Sicherheitsniveaus ein unendlich hohes Invest in brandschutztechnische Infrastruktur sinnvoll machen. Genau hier kommen wir langsam zum entscheidenden Punkt.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">1. Ein h\u00f6heres Sicherheitsniveau ist sicherlich immer erstrebenswert, aber eben nicht immer sinnvoll.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">2. Hat man sich einmal damit abgefunden, dass man keine absolute Sicherheit erreichen wird und nur ein begrenztes Investment f\u00fcr die Sicherheit zur Verf\u00fcgung steht, ist man gut beraten das zur Verf\u00fcgung stehende Investment sinnvoll anzuwenden, also den zur Verf\u00fcgung stehenden Betrag so auszugeben, dass damit die h\u00f6chste Sicherheit erreicht wird.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Der amerikanische \u00d6konom Ike Brannon hat es frei \u00fcbersetzt wie folgt ausgedr\u00fcckt:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"LEFT\">&#8222;F\u00fcr jeden Dollar, den der Staat ausgebe, muss er dem Steuerzahler m\u00f6glichst viel zur\u00fcckgeben. Wenn eine Regulierung mehr kostet, als sie ihr bringt, soll sie nicht in Angriff genommen werden.&#8220; [2]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Doch wie setzt man dies im Brandschutz um?<br \/>\nIm Entwurf der DIN 18009-1 ist zwar grunds\u00e4tzlich die M\u00f6glichkeit einer risikobasierten Bewertung und Auswahl von Brandschutzma\u00dfnahmen beschrieben, mindestens ebenso wichtig ist allerdings eine Diskussion \u00fcber den gesellschaftlichen Umgang mit der Definition des Risikos und des akzeptierten Risiko-Grenzwertes.<br \/>\nDer reflexartige Ruf nach mehr Brandschutz, unmittelbar nach jedem gr\u00f6\u00dferen oder kleineren Brandereignis, ohne \u00fcberhaupt das Schadensereignis analysiert zu haben, ist nicht zielf\u00fchrend und stellt schlechtestenfalls nicht weniger dar, als die Instrumentalisierung der Opfer.<\/p>\n<p>Wie dieser systematische Zusammenhang zwischen akzeptiertem Risiko, Sicherheit und Investment aussieht, werden wir im 2. Teil der Artikelserie n\u00e4her betrachten.<\/p>\n<p>[1] &#8222;<a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/zaf\/2004\/2004_3_zaf_spengler.pdf\">Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland<\/a>&#8222;, Prof. Dr. Hannes Spengler<br \/>\n[2] &#8222;<a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=654544\">What is a Life Worth?<\/a>&#8222;, Ike Brannon<br \/>\n[3] &#8222;<a href=\"http:\/\/www.beuth.de\/de\/norm-entwurf\/din-18009-1\/231680493\">Norm-Entwurf DIN 18009-1:2015-04 &#8211; Brandschutzingenieurwesen &#8211; Teil 1: Grunds\u00e4tze und Regeln f\u00fcr die Anwendung<\/a>&#8220;<br \/>\n[4] &#8222;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/zeit-wissen\/2018\/01\/wert-menschen-gedankenexperiment-summe\/komplettansicht\">Der Wert des Lebens &#8211; Zeit online<\/a>&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fahrradhelm oder nicht? 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