Richtlinienarbeit – Ein Geschäftsmodell?

Neben den Regelwerken des Deutschen Institut für Normung (DIN), die bei Zustandekommen nach DIN 820 die faktische Vermutung für sich haben, dass sie allgemein anerkannte Regeln der Technik (aaRdT) beinhalten, können auch andere Regelwerke, wie zum Beispiel die Richtlinien des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), allgemein anerkannte Regeln der Technik zum Inhalt haben.

Zu seinen Richtlinien schreibt der VDI selbst:

VDI-Richtlinien stellen ein unverzichtbares Instrument zur Beschreibung des aktuellen Stands der Technik dar.

Der Entwurf der Richtlinie wurde im August 2014 im Rahmen eines VDI-Expertenforums vorgestellt. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion zeigte sich, dass die Intentionen und Begrifflichkeiten des Richtlinienausschusses und der restlichen Fachwelt zu unterschiedlich waren, dass damals schon nicht davon ausgegangen werden konnte, dass sich in absehbarer Zeit eine repräsentative Mehrheit in Fachkenntnissen finden würde, die die Richtlinie sogar als Stand der Technik ansehen würde.

So blieb es in den vergangenen zwei Jahren in der Fachwelt relativ ruhig in Bezug auf die Richtlinie.

Schulungsangebot der VDI-Gesellschaften

Die VDI-Gesellschaften bieten zu verschiedenen herausgegebenen VDI-Richtlinien Schulungen an, deren Inhalt und Abläufe in den VDI-Richtlinien definiert sind. Für die VDI-Gesellschaft Energie und Umwelt bietet nun der Schulungspartner International Security Academy e.V. im November 2018 eine Schulung zum VDI-Fachkoordinator Evakuierung nach VDI Richtlinie 4062 an. Über seinen Blog und seine Twitter-Kanäle bewirbt derzeit der VDI seine Richtlinie VDI 4062Evakuierung von Personen im Gefahrenfall“ und das zugehörige Schulungsangebot.

Laut einer repräsentativen Umfrage sind ca. 90 Prozent der #Unternehmen in Deutschland auf den Fall einer #Evakuierung schlecht oder gar nicht vorbereitet. Das Evakuierungskonzept mit #Schulungen nach #VDI 4062 will hier Abhilfe schaffen. https://t.co/5p18qWm0WF

— VDI e.V. (@VDI_News) June 19, 2018

Die Relevanz für die Schulung wird mit dem Ergebnis einer repräsentativen Umfrage begründet, dass ca. 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland auf den Fall einer Evakuierung schlecht oder gar nicht vorbereitet sind. Um welche Umfrage es sich hierbei handelt, findet man im Blog-Beitrag keinen Hinweis. Auch eine direkte Nachfrage blieb bisher unbeantwortet. Die Frage nach der Relevanz bleibt damit weiterhin unbegründet.

Begibt man sich auf die Suche nach der Richtlinie, die den Inhalt und den Ablauf der Schulung beschreibt, stellt man fest, dass die Richtlinie VDI 4062 Blatt 1 Evakuierung von Personen im Gefahrenfall – Schulungen für Fachkoordinatoren voraussichtlich im Januar 2019 erscheinen soll.

screenshot vom 21.06.2018

Auf welcher Grundlage nun die Schulung des VDI-Schulungspartners erfolgt, kann wohl nur der Vorstandsvorsitzende des VDI-Schulungspartners beantworten, der gleichzeitig Leiter des Arbeitskreises der Richtlinie ist.

Es stellt sich weiterhin die Frage, ob die Richtlinie VDI 4062 wirklich am Puls der Zeit ist und wie man das exklusive Schulungsangebot auf der Grundlage einer bisher nicht veröffentlichten Richtlinie verstehen soll.

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